Macht uns die Zeitumstellung krank - oder die "ewige Sommerzeit"?

Schlafforschung: Geht es uns ohne Zeitumstellung besser?

Für viele Schlafforscher steht fest: Ohne die Uhr umzustellen, leben wir gesünder. Gute Gründe für die Abschaffung der Zeitumstellung gibt es. Doch ist die "ewige Sommerzeit" überhaupt die bessere Alternative?
von Dunja Rieber

Ab Sonntag, den 31. März, werden die Abende wieder länger. Für viele bedeutet das aber auch: Müdigkeit und Schlafprobleme. Die Abschaffung der Zeitumstellung gilt als beschlossen. Doch ist es überhaupt gesünder für uns, wenn wir dauerhaft nach der Sommerzeit leben. Einige Experten zweifeln daran – und nicht nur das. Sie behaupten sogar, die ewige Sommerzeit würde uns krank machen. Hier kommen alle Fakten zur Zeitumstellung.

Zeitumstellung 2019: Die wichtigsten Fragen und Antworten

1. Wann werden die Uhren umgestellt?

Die Uhren werden in der Nacht zum Sonntag, den 31. März, umgestellt.

2. Wie wird die Uhr umgestellt?

Die Uhr wird eine Stunde vorgestellt – von zwei Uhr auf drei Uhr.

3. Wie verändert die Zeitumstellung den Tag?

Mit der Sommerzeit 2019 stellen wir die Uhren vor und es bleibt abends länger hell. Bis zum längsten Tag des Jahres am 21. Juni wird die Sonne jeden Tag ein bisschen länger scheinen und später untergehen.

4. Wann wird die Zeitumstellung abgeschafft?

Das Thema Zeitumstellung hat so viele EU-Bürger mobilisiert wie nie zuvor. In der EU-weiten Umfrage haben 4,6 Millionen Bürger für das Ende der Zeitumstellung gestimmt. Der erste Schritt ist getan: Der zuständige Verkehrsausschuss stimmte vor einigen Tagen ebenfalls für die Abschaffung im Jahr 2021.

5. Ewige Sommerzeit – macht sie wirklich krank?

Ob Mediziner oder Bürger: Die meisten begrüßen das dauerhafte Festlegen auf eine Zeit, weil es eher unserer Biologie entspricht. Einige Forscher fürchten allerdings, dass die ganzjährige Sommerzeit ebenso fatale Folgen haben könnte:

  • Bei einer dauerhaften Sommerzeit müssten wir an deutlich mehr Tagen – je nach Wohnort bis zu sechs Wochen – im Dunkeln aufstehen. Wir würden schlechter wach und die fehlende Helligkeit könnte unsere Stimmung trüben. Wir könnten uns evtl. schlechter konzentrieren, was im Auto auf dem Weg zur Arbeit oder auch bei der Arbeit zu mehr Fehlern führen kann.
  • Der Deutsche Lehrerverband fürchtet Gefahren und Unfallrisiken für Schüler, die dann häufiger im Dunkeln zur Schule gehen müssten. Auch von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Schlaf- und Lernprobleme bis hin zu Diabetes und Depressionen sprechen einige Experten.
  • Die meisten Bürger hätten zwar für das Beibehalten der Sommerzeit gestimmt, Schlafforscher halten dagegen die dauerhafte Winterzeit für gesünder. Denn die Winterzeit entspricht eher der tatsächlichen Zeit und dem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus.

6. Schlafstörungen, Herzinfarkt – auch die Zeitumstellung schadet

Gerade die Umstellung auf die Sommerzeit im Frühjahr ist für viele problematisch. Denn während wir im Herbst Schlaf geschenkt bekommen, raubt uns die Zeitumstellung jetzt eine Stunde Schlaf. Dass die Zeitumstellung sich negativ auf unsere Gesundheit und unseren Schlaf auswirkt, ist mittlerweile Stand der Forschung: Müdigkeit und Unkonzentriertheit durch den gestörten Schlaf können in der Woche danach zu mehr Verkehrsunfällen führen (Harrison Y., 2013). Und Analysen von mehr als 87.000 Patienten belegen sogar ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte aufgrund des kürzeren Schlafs mit Beginn der Sommerzeit (Manfredini et al., 2018).

7. Frauen leiden stärker unter der Zeitumstellung

Unsere innere Uhr ist präzise getaktet: Der Zeitgeber sitzt im Gehirn und steuert unsere inneren Prozesse – eng gekoppelt an den natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus im Laufe des Tages. Fast alle Organe und auch unser Stoffwechsel werden daran angepasst rhythmisch aktiviert und wieder gedrosselt. Die Folge: Zu bestimmten Zeiten sind wir besonders konzentriert und leitungsfähig, zu anderen weniger.

Untersuchungen ergeben immer wieder, dass insbesondere Frauen nach der Zeitumstellung schlechter schlafen. Nach einer Umfrage der Krankenkasse „DAK“ geben 63 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer an, dass die Umstellung ihnen zu schaffen macht – Schlafstörungen, Unkonzentriertheit und Gereiztheit bis hin zu depressiven Verstimmungen sind die Folgen. Es kann mehrere Tage bis Wochen dauern, bis wir uns an den neuen Rhythmus angepasst haben. Einigen hilft der Tipp, bereits an den Abenden vor der Zeitumstellung schrittweise etwas früher ins Bett zu gehen.

8. Wann uns die Frühjahrsmüdigkeit belastet

Gerade um diese Jahreszeit fühlen sich viele auch durch die Frühjahrsmüdigkeit matt und schlapp. Unser Körper reagiert auf das Wetter. Es wird wärmer und heller. Die Körpertemperatur steigt, die Gefäße weiten sich und der Blutdruck sinkt. Hinzu kommt der Überschuss an Melatonin, von dem wir in langen, dunklen Wintermonaten mehr produzieren. Das Schlafhormon polt uns weiterhin auf Dunkelheit. Bis unser Hormonhaushalt hinterherkommt, vergehen einige Wochen.

Tatsache ist auch: Vitamin D kann unser Körper nur bilden, wenn ausreichend Sonnenlicht auf unsere Haut scheint. Insbesondere gegen Ende des Winters sind nach mehreren dunklen Monaten unsere Reserven an Vitamin D häufig aufgebraucht. Und dieser Mangel kann zusätzlich müde machen, wissen Schlafmediziner (Nowak et al., 2016; Knutsen et al., 2010).

Bewegung im Freien hilft doppelt: Spazieren gehen an der frischen Luft lässt vermehrt UV-Strahlen an unsere Haut. Das regt nicht nur die Serotoninproduktion an, sondern auch die Bildung von körpereigenem Vitamin D. In Österreich erreicht der Sonnenstand die hierfür nötige Höhe von Anfang März bis Ende Oktober, in Norddeutschland von Ende März bis Ende September. Wichtig: Zu Beginn dieser Phase steht die Sonne jedoch nur um die Mittagszeit hoch genug, um die Vitaminproduktion anzuregen. Achten Sie auch auf eine Vitamin-D-reiche Ernährung mit fettreichem Fisch wie Hering, Makrele, Rotbarsch, Lachs sowie Eigelb, Milchprodukten und Pilzen.

Genügend Gründe für die Abschaffung der Zeitumstellung gibt es also. Zumal auch die erhoffte Energie-Ersparnis ausblieb. Bleibt nur noch die Frage, nach welcher Zeit wir uns in Zukunft richten – Sommer- oder Winterzeit.

Foto: shutterstock/424696375/Wasant

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Dunja Rieber

ist Ernährungswissenschaftlerin und schreibt seit 2018 für den LaVita-Blog. Ihr Grundsatz für eine gesunde Ernährung: Von allem ein bisschen, von nichts zu viel. Beim Kochen soll es frisch und möglichst ausgewogen sein - aber nicht zu aufwändig, denn im Alltag mit zwei kleinen Töchtern bleibt nicht viel Zeit, um lange in der Küche zu stehen.

6 Kommentare

  • Als Pensionärin habe ich gut Reden, wenn ich für die Beibehaltung der Sommerzeit bin, für mich ist es gleich, wann es morgens hell wird. Aber Nachmittags/abends ist es eben auch länger hell und ich habe die Möglichkeit mich länger/später im Freien aufzuhalten. Als Arbeitnehmerin hat es mir nichts ausgemacht, wenn es morgens später hell wurde, denn im Büro merkt man das kaum. Die meisten Menschen in unseren Breiten arbeiten sowieso drinnen, und ich denke, dass viele für die nachmittägliche längere Helligkeit dankbar und deshalb wie ich für die Sommerzeit sind.
    Wer gewohnt ist spät schlafen zu gehen, wird das auch weiterhin tun, egal nach welcher Zeit wir leben. Letztlich ist es meiner Meinung nach reine Gewohnheit.
    Trotzdem haben diejenigen mein volles Mitgefühl, die morgens nur schwer in die Gänge kommen, aber sehr früh aufstehen müssen und dann im Winter im Prinzip „noch eine Stunde früher“ rausmüssen.
    Mein Vorschlag wäre der Kompromiss: Im Frühjahr nur eine halbe Stunde die Uhren vorstellen und das dann beibehalten. Nach einiger Zeit denkt da keiner mehr dran.

  • Reinhard Seidel

    Tja, wenn man allg. die Menschen ausreichend Vitamin-D versorgen würde, so dass sie einen natürlichen Spiegel von ca. 60ng hätten (durch die Sonne bei uns auch im Sommer kaum zu erreichen, wenn man arbeitet) würden viele der genannten Faktoren (Frühjahrsmüdigkeit, Schlafstörungen …) einfach wegfallen. Wichtig natürlich, dass man zusätzlich Magnesium nimmt (damit das Vitamin D zu dem Hormon Calcitriol umgewandelt werden kann) und Vitamin K2 (damit das Calcium aus den weichen Geweben – z.B. den Adern – in die Knochen transportiert wird). Am Ende würden dadurch Arteriosklerose und Osteoporose zu den aussterbenden Spezies von Krankheiten gehören.
    Dreimal darf man raten, warum diese einfachen Wege in unserem Gesundheitssystem nicht beschritten werden. Aber jeder Einzelne kann es für sich tun! Eigeninitiative ist gefragt.
    Sonnige Frühlingsgrüße
    Reinhard

  • Sieglinde Gittfried

    Guten Tag, ich bin 77 Jahre. In meiner Schulzeit gab es schon die Zeitumstellung. Dann wurde sie wieder abgeschafft. Warum wohl? In Berlin steht eine Weltuhr, die einer erfunden hat.
    Ich habe gehört, dass die Kanzlerin für eine Sommerzeit wäre. Es müsste auch heißen, „Normalzeit“ und nicht Winterzeit. Natürlich denkt man lieber an Sommer und Sonne.
    Für die Handwerker die am Bau tätig sind, ist es auch beschwerlich und es wird mehr Strom verbraucht. Soviel zur Umweltbelastung.
    Wie ich mit der Zeitumstellung zurecht komme: Am Tag vorher fang ich schon am Nachmittag an mir zu sagen: “ Morgen um die Zeit ist es schon so viel Uhr“. Das, bis ich zu Bett geh.

  • Hallo,
    die Zeitumstellung hat für mich wenig Sinn gemacht, nachdem ich immer wieder gehört habe, dass vor allem die Tiere in der Landwirtschaft darunter leiden müssen. Für uns Menschen ist es doch ganz einfach sich auf die bevorstehende Umstellung vorzubereiten. Die meisten tun immer so, als würden sie von der „neuen“ Uhrzeit überrascht werden. In den beiden Wochen vor der Umstellung passe ich mein Zubettgehen und Aufstehen sukzessive an, so komme ich super damit zurecht. In Ihrem Artikel geben Sie reichlich Gründe an, warum man im Frühjahr grundsätzlich müde ist, daher finde ich es billig alles auf die Zeitumstellung zu schieben. Warum die dauerhafte Sommerzeit krank machen soll, können die „Experten“ nicht schlüssig darstellen, somit müssten die Menschen in Skandinavien auch viel häufiger krank sein. An unserer Schule begann der Unterricht bereits um 7.00 Uhr morgens. Komischerweise gab es keinen höheren Krankenstand oder mehr Unfälle als an den örtlichen Schulen, die erst um 8.00 Uhr mit dem Unterricht begannen.
    Sommerzeit ist insofern wunderbar, da es uns mehr und längere Freizeitaktivitäten und Sozialkontakte im Freien (alles gesunderhaltende Aspekte) ermöglicht.
    Die vielen Schichtarbeiter, Kranken- und Pflegepersonal, Piloten und Flugbegleiter, Bäcker etc. müssten dann aggressiver, depressiver und häufiger krank sein, als der Rest der Bevölkerung. Gibt es dazu Erhebungen?
    Liebe Grüße, Inga

  • Edith Franke

    Ich befürchte ebenfalls all die Probleme, bei einer Immersommerzeit. Die angeführten Risiken sind
    tatsächlich gegeben. Kommt dazu, daßß über kurz oder lang die Geschäftemacher uns die längeren
    Abendstunden nehmen werden, es ist ja noch hell, also dürfen wir .. Der Ausbeuterei wird nochmals
    Tür und Tor geöffnet. Wieso können unsere Politiker nicht ehr normal denken und noral handeln?
    Ist das denn wirklich so schwer geworden??

    Ich bedanke mich für den obigen Artikel.

  • Isabel Benker

    Meine ganze Familie wünschte sich die Winterzeit, d.h. so wie es vor der Zeitumstellung immer war. Leider konnten sich weder ich noch meine ganze große Familie und unser großer Freundeskreis bei der Befragung ob Sommer- oder Winterzeit einloggen.
    Ist dies noch mehreren aus der Bevölkerung so gegangen?
    Eventuell stimmt das Wahlergebnis gar nicht!
    Die dauerhafte Winterzeit ist unser ursprünglicher Biorhythmus..

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