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Lektine: Warum jetzt alle Angst vor Tomaten und Vollkorn haben

Tomaten können wir mit gutem Gewissen genießen - trotz der enthaltenen Lektine.

Statt ungesunden Würstchen und Fertiggerichten sollten wir unsere Teller lieber mit frischem Gemüse vollpacken. Doch die Lektine darin sollen krank machen. Das behauptet zumindest ein US-Arzt. Alles nur Panikmache oder steckt wirklich etwas dahinter?

Lektine sind in der Ernährungswissenschaft seit Jahren bekannt, ebenso ihre Wirkung auf den Menschen. Fest steht: Lektine sind Proteine, die in vielen Pflanzen vorkommen und damit auch in vielen Lebensmitteln. Sie können giftig sein, sich an unsere Darmzellen binden und sie durchlässiger für schädliche Toxine machen (leaky-gut Syndrom). Vor allem Menschen mit schwachem Immunsystem sollen anfällig dafür sein.

Darum schaden uns Lektine

Gelangen sie durch unseren Körper ins Blut, binden sie sich auch an weitere Zellen, z. B. unsere roten Blutkörperchen, die dann verklumpen und den Sauerstoff- und Nährstofftransport behindern. Daher werden die Lektine auch als Anti-Nährstoffe bezeichnet, weil sie selbst keinen Nährwert haben, aber die Aufnahme anderer wichtiger Nährstoffe verhindern können. An den Stellen, an denen sie sich im menschlichen Organismus anheften, können sie Entzündungsreaktionen befeuern und werden daher auch mit Autoimmun-Erkrankungen wie Morbus Crohn, Multiple Sklerose oder Reizdarm in Verbindung gebracht.

Diese Lebensmittel enthalten Lektine

Zu den Nahrungsmitteln, die besonders hohe Mengen an Lektinen enthalten, zählen Hülsenfrüchte. Bereits einige rohe Bohnen können dem Körper schaden und beim Menschen schwere Darmentzündungen hervorrufen. Auch in frischen grünen Bohnen stecken Lektine und man sollte sie nur gegart essen. Getreide, Cashewkerne und Erdnüsse sowie Nachtschattengewächse, z. B. Tomaten, Paprika, Auberginen und Kartoffeln enthalten ebenfalls Lektine – allesamt in geringerer Menge als in Hülsenfrüchten. Das Lektin im Weizen gilt als besonders hitzebeständig. Nicht verwechseln sollte man Lektine und Gluten, auch wenn Lektine teilweise als das „neue Gluten“ bezeichnet werden. Insgesamt liefert Vollkorn etwas mehr Lektine als helles Auszugsmehl, aber auch in Baguette und Weißbrot stecken noch Lektine. Das Gute: Durch die richtige Zubereitung, können wir die schädliche Wirkung der Lektine eindämmen.

Kochen zerstört die Lektine

Kochen zerstört die Lektine in Hülsenfrüchten und Gemüse. Beim langen Einweichen der Hülsenfrüchte in Wasser wird schon ein Großteil der Lektine gelöst. Auch durch enzymatische Prozesse wie beim Gehen von Teig oder beim Fermentieren von Gemüse lassen sich die Anti-Nährstoffe entschärfen. Bei Getreide wichtig: Den Teig möglichst lange – wie nach alter Handwerks-Tradition zubereiten und möglichst lange, z. B. mehrere Stunden oder über Nacht gehen lassen. Bei Industrie-Brot mit künstlichen Backtriebmitteln ist das oft nicht der Fall. Weitere Infos und ein Rezept für „langsam“ gebackenes Brot finden Sie hier.

Und Tomaten oder Cashews, die roh gegessen werden?

In Tomaten, Erdnüssen und Cashews ist der Gehalt an Lektinen sehr viel geringer. Schaden tun diese Mengen dem Gesunden nicht und wir können sie daher unbesorgt essen. Inzwischen wird an den positiven Wirkungen der Lektine geforscht. So gibt es Hinweise, dass die Proteine Dickdarmkrebs vorbeugen können. Wie bei vielem in der Ernährung macht auch hier die Dosis das Gift. Aber was für den einen gesund und bekömmlich ist, kann bei anderen trotzdem zu Beschwerden führen.

Wer sollte besser verzichten?

Wenn Sie einen empfindlichen Darm haben oder unter Autoimmunerkrankungen leiden, können Sie ausprobieren, ob sich die Beschwerden bessern, wenn Sie keine lektinhaltigen Lebensmittel mehr essen. Am besten ebenfalls austesten, ob Paprika und Tomaten gegart besser vertragen werden und Erdnüsse und Cashewkerne eventuell einige Minuten in einer Pfanne anrösten.


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Dunja Rieber

ist Ernährungswissenschaftlerin und schreibt seit 2018 für den LaVita-Blog. Ihr Grundsatz für eine gesunde Ernährung: Von allem ein bisschen, von nichts zu viel. Beim Kochen soll es frisch und möglichst ausgewogen sein - aber nicht zu aufwändig, denn im Alltag mit zwei kleinen Töchtern bleibt nicht viel Zeit, um lange in der Küche zu stehen.

3 Kommentare
  1. Hans-Jörg Schwetge sagt

    betr.: Lektine
    der Artikel war sehr interessant und aufschlussreich.

    • Dunja Rieber
      Dunja Rieber sagt

      Hallo Herr Schwetge,
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Das freut uns!
      Herzliche Grüße,
      Dunja Rieber

  2. Manfred Buhmann sagt

    Ja natürlich, darum wird die Bevölkerung z. B. auf Ikaria (Griechenland), Campodimele
    (Italien) und Ogliastra und der Barbagia (Sardinien) bei bester Gesundheit durchschnittl.
    bis zu 10 Jahre älter als der Mitteleuropäer. Dort stehen gerade die genannten Lebensmittel
    beinahe täglich in größeren Mengen auf dem Speiseplan. Die vergessen bei dieser Fehl-
    ernährung wohl nur zu sterben.

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