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Gemüse mit Schönheitsfehlern – krumme Außenseiter erobern den Teller

Krummes Gemüse ist viel zu schade zum Wegwerfen

In den Obst- und Gemüseregalen der Supermärkte herrscht heile Welt: Alles glänzt, ist perfekt gewachsen und frei von Flecken oder Fehlbildungen. Wir bekommen nur makellose Lebensmittel serviert. Aber in der Natur wachsen Obst und Gemüse nicht makellos. Sich umarmende, dreibeinige Möhrchen, knollige Kartoffeln, fleckige Äpfel: Ein Großteil unserer Ernten besteht aus kulinarischen Sonderlingen – viel zu wertvoll, um einfach weggeworfen zu werden.

Lebensmittel für die Tonne

Über 40 Prozent unserer angebauten Lebensmittel landen laut einem UNO-Bericht im Müll – bevor sie überhaupt in den Handel kommen. Sie werden weggeworfen, weil sie in Form und Aussehen nicht den Regularien des Handels entsprechen.

Gesetzlich vorgeschrieben sind die Formstandards für Obst und Gemüse entgegen der landläufigen Meinung nicht bzw. nicht mehr. Die „Verordnung zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken“, die den Krümmungsgrad bei Gurken regelte und als Prototyp für den europaweiten Regulierungswahn galt, ist seit 2009 abgeschafft. Die Supermärkte haben jedoch selbst Regeln erschaffen, die festlegen, wann eine Karotte groß und gerade genug ist, um verkauft zu werden, und wann nicht.

Unter den krummen Vertrtetern finden sich wahre Schätze.

Natürliche Einzelstücke: Unter den krummen Vertretern finden sich oft wahre Schätze.

Projekte gegen die Verschwendung

So landen täglich tonnenweise Lebensmittel im Müll. Mit dem weggeworfenen Gemüse wird nicht nur viel Nahrung vernichtet, es geht auch eine einzigartige Vielfalt in Form und Ästhetik nachhaltig verloren. Zum Glück gibt es aber mittlerweile zahlreiche Initiativen, die diesem Missstand entgegentreten wollen. In Berlin zaubern z. B. die Damen von Culinary Misfits leckere Gerichte aus den gesunden Außenseitern, ETEPETETE liefert in Bayern seinen Kunden Gemüsekisten – sie nennen sie „Gemüseretterboxen“ – voll mit hässlichen Gemüse-Entlein, direkt vom Biobauern.

Immer mehr Projekte nehmen sich den einzigartigen Sonderlingen an. Dadurch wird Gemüse gerettet, findet seinen Weg auf die Teller und bleibt in seiner Vielfältigkeit erhalten. Es ist ein klares Zeichen gegen die leichtfertige Verschwendung, gegen Einheitsbrei, standardisiertes Gemüse und für mehr Individualität.

Aber man muss nicht auf derartige Initiativen zurückgreifen, um die kulinarischen Außenseiter in der eigenen Küche zu integrieren. Denn krummes Obst und Gemüse gibt es auf unseren heimischen Märkten, direkt vom Bauern oder im Bioladen. Und die Ideen, wie man die ergatterten Einzelstücke verarbeiten kann, sind zahlreich: Vielleicht starten Sie diesen Sommer eine Marmeladenproduktion mit aussortiertem Obst? Oder sie kochen aus dem Außenseiter-Gemüse leckere Suppen und Eintöpfe?

Geben Sie den Außenseitern eine Chance! Schließlich zählen auch bei Obst und Gemüse die inneren Werte.

Geben Sie den Außenseitern eine Chance! Schließlich zählen auch bei Obst und Gemüse die inneren Werte.

Discounter entdecken die Sonderlinge

Die Akzeptanz der krummen Früchte findet ganz langsam auch Anklang in unseren Supermärkten. Erst kürzlich meldete der Discounter Penny, dass er zukünftig auch krummes und unperfektes Gemüse mit in den Verkauf nehmen wird. Auch andere Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Netto bringen Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern bei zeitlich befristeten Verkaufsaktionen an die Kunden.

Seltsam, warum nicht viel mehr Anbieter auf den Zug mitaufspringen. Denn am Ende gibt es Gewinner auf allen Seiten: Die Supermärkte, die mit den Außenseitern weitere Absatzmöglichkeiten erschließen, die Produzenten, die nicht mehr einen großen Teil ihrer Ernte entsorgen müssen und nicht zuletzt wir Verbraucher. Schließlich können wir so unsere Gerichte mit einzigartigen, wild gewachsenen Lebensmitteln bereichern und unseren Kindern damit gleichzeitig die Vielfalt der Natur zeigen.


Der 2011 erschienene Dokumentarfilm „Taste the Waste“ des deutschen Filmemachers Valentin Thurn richtet den Blick auf den verschwenderischen Umgang mit unseren Nahrungsmitteln.

Christian John

Christian John

schreibt seit 2015 als Redakteur für LaVita. Als Kulturwissenschaftler und Anthropologe interessiert den jungen Familienvater nahezu alles, was den Menschen zum Menschen macht. Er liebt frische Luft, einsame Skitouren, Zeit mit seinen beiden Söhnen zu verbringen und gesundes Essen. Wenn er nicht für seine Familie und Freunde kocht, macht sich Christian Gedanken, wie er sein Häuschen ausbauen kann.

2 Kommentare
  1. Christine Henneberg sagt

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich freue mich, dass Sie dieses Problem der Verschwendung unserer Lebensmittel zum Thema machen und bin der Ansicht, dass die Menschen endlich wach werden sollten, diesen Missständen etwas entgegen zu setzen.
    Würde man in der Produktion von Lebensmitteln mehr auf biologischen Anbau Wert legen, käme das uns letztendlich allen zu Gute. Was sollen wir Verbraucher mit einem glänzendem ,rein äußerlich tadellosem Obst und Gemüse welches teilweise ekelhaft nach Chemie schmeckt und krank macht? Ob die “ missratenen“Lebensmittel unbedingt gesünder sind, das ist die Frage? Gut ist es aber unbedingt, sie auf den Markt zu bringen und nicht zu vernichten.
    In der Hoffnung auf Einsicht einflußreicher Gremien grüßt freundlich
    Christine Henneberg

    • Christian John
      Christian John sagt

      Liebe Frau Henneberg, danke für das Lob.
      Die „missratenen“ Früchtchen sind nicht gesünder als die konformen, sie sind aber vor allem auf keinen Fall schlechter, bloß weil ihr Wachstum nicht irgendwelchen Normen entspricht.
      Deswegen lohnt es sich, sie auch mal in den Fokus zu rücken. Gebt den Sonderlingen eine Chance! 😉 Herzliche Grüße!

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